Reutter heute

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Weil’s einfach ist

1. Hab’n feine Leute Streiterei’n,
gibt’s ein Duell, denn das ist fein.
Mir fehlt die Satisfaktion –
hab’ ich ’nen Streit mit ’ner Person,
hau’ ich ihr eine aufs Gerüst
und zahl’ fünf Mark – weil’s einfach ist.
 
2. Manch Veteran focht einst im Krieg,
jetzt fechtet er und macht Musik.
Nun hilft der Staat dem armen Mann:
Er bringt zwar’s Geld nicht selber an,
jedoch er arrangiert voll List
’nen Blumentag* – weil’s einfach ist.
 
3. ’ne Frau vom sächs’schen Königshaus
gab jetzt die Memoiren raus.
Demnächst, da wird sie engagiert
und sie besingt, was ihr passiert
und ihr Gemahl, der Pianist
begleitet sie – weil’s einfach ist.
 
4. Der Michel und sein Nachbarsmann,
die fingen jüngst zu streiten an.
Jetzt ist’s vorbei, denn Michel sprach:
voll Stolz: „Der Klügere gibt nach!“
Nun kriegt der Michel nach dem Zwist
das kleinste Stück – weil’s einfach ist.
 
5. Auf’s Streichholz kam ’ne Steuer jetzt,
drum ward ersetzt das Feuer jetzt.
’nen Apparat trägt jeder Mann,
man drückt und knipst – es brennt nicht an...
Dann holt man nach ’ner langen Frist
ein Streichholz raus – weil’s einfach ist.
 
6. Der Polizeichef von Berlin
Traf ’ne Verordnung stolz und kühn:
Stört jemand künftig den Verkehr**,
gibt’s kein Gefängnis, kein Verhör;
es kommt sofort ein Polizist
und schießt ihn tot – weil’s einfach ist.
 
7. O Deutscher, du bist stolz und fein,
du kaufst vom Ausland ’s meiste ein,
lobst nur die fremde Industrie,
die meistens „Made in Germany“.
Denn daß du da kaufst, wo du bist,
fällt dir nicht ein – weil’s einfach ist.
 
8. ’ne Tante, die beerb’ ich mal,
bis dahin bin ich grau und kahl.
Da hat’s ein Kannibale gut.
Wenn der ’ne Tante haben tut,
lädt er sie ein voll Hinterlist
und frißt sie auf – weil’s einfach ist.
 
9. Viel Toiletten braucht ’ne Frau –
zehn Kleider, gelb und grün und blau.
Ein Mann kann’s gar nicht zahlen mehr,
drum glaub’ ich, daß es besser wär’,
wenn jede Frau sich kleiden müßt’
wie Eva einst – weil’s einfach ist.
 
10. Zur Tochter sagt das Mütterlein:
„Du bist nun groß, hilf dir allein.
Willst du als Magd, als Köchin gehn?“
„Nein“, sagt sie da, „das ist nicht schön.
Ich werde binnen Jahresfrist
als Amme geh’n – weil’s einfach ist.“
 
11. Passiert ein Mord, dann hört man nischt –
so'n Mörder wird nicht oft erwischt.
Doch, wenn ein Händler in der Stadt
verbot’ne Ansichtskarten hat,
dann kommt sofort ein Polizist
und nimmt ihn mit – weil’s einfach ist.
 
12. In ’nem Konzertsaal – welch ein Graus! –
spielt man ein Stück von Richard Strauss;
dann folgt ganz leis’, als kläng’ es weit,
ein Volkslied aus der alten Zeit –
man kennt nicht mal den Komponist –
und das gefällt – weil’s einfach ist.
 
13. Die Diplomaten uns’rerZeit,
die hüll’n sich oft in Schweigsamkeit,
behandeln uns wie’n kleines Kind –
wir wissen nie, woran wir sind.
Uns aufzuklär’n den ganzen Zwist,
das tun sie nicht – weil’s einfach ist.
 
*Wiki: „Blumentage fanden in verschiedenen deutschen Städten in den Jahren ab 1910 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs statt. Am jeweiligen Tag wurde eine bestimmte Blume als Leitmotiv erwählt und für wohltätige Zwecke Kunstblumen gegen Geldspenden verteilt. [...] Der Kornblumentag nutzte die im 19. Jahrhundert entstandene Bedeutung der Kornblume als preußische Blume und Symbol des Deutschtums; Veranstalter waren oft Kriegervereine, und gesammelt wurde zum Besten kranker und bedürftiger Veteranen der Einigungskriege.
** offenbar Anspielung auf Traugott von Jagow (1865-1941), Polizeipräsident Berlins von 1906 bis 1916 und seinen berühmt gewordenen, per Plakat kommunizierten Kommentar zur Anmeldung einer linken Demonstration: „Die Straße gehört dem Verkehr. Ich warne Neugierige.“
 
 

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