Reutter heute

Twitter

Laß sie hungern


1. Zwei Uhr nachts, wie niederträchtig,
kam ein Eh'mann jüngst nach Haus.
Wo war der, das ist verdächtig,
denn halb zwölf ist alles aus.
„Liebes Weibchen“, tat er sagen,
„hab' seit Mittag nichts im Magen,
steht noch Abendbrot für mich?“
Diesem Weibchen rate ich:
Laß ihn hungern, laß ihn hungern!
Wird ihm schlecht, dann sage ihm:
„Wo bist du so lang gesessen?
Hätt'st du lieber da gegessen.“
Laß ihn hungern, laß ihn hungern,
sag': „Du hast die Zeit verpaßt.
Nun hol' dir man da die Kräfte,
wo du sie verloren hast.“

2. Vor der Hochzeit - dieses weiß ich
aus Erfahrung ganz genau,
sind die Mädchen lieb und fleißig -
doch sie ändern sich als Frau.
Drum, wenn du 'ne Braut gefunden,
halt' sie fest, recht viele Stunden,
denn, sobald ihr erst getraut,
ist sie nicht mehr deine Braut.
Laß sie hungern, laß sie hungern!
So gut kriegst du's niemals mehr.
Will zum Standesamt sie wandern,
schieb's von einem Tag zum andern.
Laß sie hungern, laß sie hungern!
Läßt sie schließlich keine Ruh',
sag ihr: „Heirat man alleene,
ich bleib draußen und guck zu!“

3. Manchem Eh'mann möcht ich sagen:
„Hast du eine böse Frau,
die da schimpft an allen Tagen,
die den Streit liebt und Radau
ABENDS möcht' sie sich versöhnen,
möcht' den Abend dir verschönen
schaut sie dich dann zärtlich an,
bleibe kühl und sei ein Mann!
Laß sie hungern, laß sie hungern,
sage gähnend: „Gute Nacht,
hast du mich noch was zu fragen,
kannst du mir's ja morgen sagen.“
Laß sie hungern, laß sie hungern,
wünsch' ihr angenehme Ruh'
sag': „Ich schlaf' heut auf dem Sofa!“
und dann mach' die Klappe zu.

4. Manches Mädchen möcht' ich warnen:
„Nimm vor Männern dich in acht.“
Alle möchten dich umgarnen
du fällst rein, ehe du's gedacht.
Schwört dir mancher auch vermessen,
er möcht' dich vor Liebe fressen,
ei, da lach' ihm ins Gesicht,
aber fressen laß dich nicht.
Laß ihn hungern, laß ihn hungern,
gib ihm nicht dein letztes Stück,
gib ihm hier und da ein Küßchen
gib ihm nicht das letzte Bißchen
laß ihn hungern, laß ihn hungern,
sag' ihm: „Heirat' mich vom Fleck!“
Denn sonst frißt er vorher alles,
und wenn er satt ist, geht er weg.

5. Mancher, den man arm einst kannte,
steht jetzt plötzlich glänzend da
und nun melden sich Verwandte,
die er früher niemals sah.
Ach, die denken nur ans Erben,
wünschen bloß: „Ach, möcht' er sterben!“
Diesem Mann mach' ich zur Pflicht:
„Werde krank, doch sterbe nicht!“
Laß sie hungern, laß sie hungern
stehn sie weinend dann am Bett,
sag': „Ich kann euch nicht verlassen,
euer Schmerz wär' nicht zu fassen.“
Laß sie hungern, laß sie hungern,
sag': „Es eilt mir nicht so sehr
wenn ich's Geld verpulvert habe,
dann kommt, bitte, wieder her.“

*******************

Oft kann Leute man erblicken,
hetzend durch die Straßen geh’n,
die sich vor der Arbeit drücken –
bitte, mich nicht mißversteh’n!
Nicht DIE Leute will ich nennen,
die da wollen und nicht können.
Nein, DEN Leuten gilt mein Groll’n,
die zur Zeit nichts schaffen WOLL’N.
Laß sie hungern, laß sie hungern,
Den SOLDATEN gebt das Brot,
Invaliden, Arbeitswill’gen –
ANDREN ist nichts zuzubill’gen.
Laß sie hungern, laß sie hungern!
Dann gibt’s Ruh in jeder Stadt,
denn wenn sie sich Brot verdienen,
krieg’n sie was, dann sind sie satt.

Werbung

Google Plus

Tasse Kaffee

Es gefällt Ihnen die Otto-Reutter-Seite und Sie wollen sich bedanken?