Reutter heute

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Ach, wie sind die Zeiten schlecht


Auf der Welt wird's immer schlimmer,
überall herrscht Traurigkeit.
Darum denken alle immer
an die gute, alte Zeit.
Schrecklich sind die Zeiten heute,
voller Kummer schrei'n die Leute:
„Wie's uns geht, ist ungerecht!
Ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

Seh'n Sie bitte mal die Kleider
unsrer armen Damen an.
Unten eng - und oben - leider
hab'n sie manchmal auch nichts an.
Früher ging'n sie fest geharnischt,
heute trag'n sie beinah' gar nischt
Ob'n und unten reicht's nicht recht,
ach, wie sind die Zeiten schlecht!

Dünn sind heut' die meisten Frauen,
durch die Zeiten werd'n sie schmal.
Ach, was konnt' man früher schauen
Formen, voll, pyramidal!
Ging man um die „Pyramide“
dreimal rum, dann war man müde.
Heute: Dünn wie'n Korbgeflecht....
Ach, wie sind die Zeiten schlecht!

Eine Mutter - Gram im Herzen -
sagt zur jungen Männerschar:
„Unsere Töchter wollt ihr herzen,
küssen, lieben immerdar!
Aber reden dann wir Mütter
von der Heirat - dann wird's bitter,
dann verduftet ihr und sprecht:
„Ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

Selbst der Sperling auf der Erde
jammert voller Traurigkeit:
„Früher gab's 'ne Menge Pferde,
ach, war das 'ne schöne Zeit!
Heute, wo die Autos fliegen,
riecht's Benzin, doch's bleibt nichts liegen,
unser Magen ist geschwächt.
Ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

Ein Student, oft durchgefallen,
sitzt im Wirtshaus lange schon.
„Vater,“ hört man leis ihn lallen,
„mühst dich ab für deinen Sohn.
's geht dir schlecht, du mußt dich plagen
noch in deinen alten Tagen.
„Kellner, Sekt!“ ruft er bezecht,
„Ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

Voller Trauer sagt der Vater:
„Alles wird besteuert heut',
man besteuert im Theater
jetzt sogar die Lustbarkeit.
War das Stück auch gar nicht lustig –
ganz egal - bezahlen mußt’ ich!
Und dann lacht der Staat erst recht –
ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

Früher war'n - das laß ich gelten –
noch 'ne Menge Kinder da.
Heute sind die Kinder selten
und noch selt'ner der Papa!
Früher hatten unsre Kleinen
allermindestens doch einen,
heut' ist kaum die Mutter echt.
Ach, wie sind die Zeiten schlecht!

Traurig klappert mit dem Schnabel
jetzt der Storch und jammert sehr:
„Das Geschäft geht miserabel -
keiner will jetzt Kinder mehr.
Wo ich hinkomm', gibt's Theater.
,Flieg' nur weiter', sagt der Vater,
wenn ich gern was Kleines brächt.
Ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

Ja, zum Küssen, wie Sie wissen,
braucht man Lust und Fröhlichkeit.
Will man jetzt die Frau nicht küssen,
schiebt man's auf die schlechte Zeit.
Damit kann man sich entschuld'gen;
will die Frau der Liebe huld'gen,
sagt er, wenn sie'n küssen möcht':
„Ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

Ja, man jammert auf der Erden
immerfort, ich wette drauf:
Mag die Zeit auch besser werden,
hört das Klagen doch nicht auf.
Mag auch Gutes nur geschehen,
mag's uns noch so wohl ergehen,
immer heißt's - hab' ich nicht recht?
„Ach, wie sind die Zeiten schlecht!“

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