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Der Geburtstagsonkel


Der Vortragende erscheint als netter, etwa fünfzigjähriger Herr mit mehreren Kartons bepackt. Auf einem großen gedeckten Tisch und einigen Stühlen liegen die für den Vortrag erforderlichen „Geburtstagsgeschenke“.
 
Auftrittslied:
Ach, mit Kisten und mit Kasten
komm’ ich hier hereingerannt.
Ich bin als Geburtstagsonkel
in der ganzen Stadt bekannt.
Wenn die Leut’ Geburtstag haben,
schenk’ ich ihnen dies und das.
Aufgespeichert sind die Gaben;
Onkel schenkt ’nem jedem was.
 
Überall mach’ ich Bekanntschaft,
riesengroß ist die Verwandtschaft,
in mein Zimmer
komm’n sie immer.
Die Kusinen,
die erschienen,
meine Brüder
komm’n stets wieder,
meine Schwestern
kam’n erst gestern. –
Jeder sagt ohn’ Unterlaß:
„Lieber Onkel, schenk’ uns was!“
 
Wie die Tanten
nach mir rannten,
wie die Nichten
nie verzichten,
wie die Neffen
mich stets treffen,
wie die Schwagern
mich umlagern,
wie die Basen
nach mir rasen,
wie die Vettern
mich vergöttern. –
Jeder sagt ohn’ Unterlaß:
„Lieber Onkel, schenk’ uns was!“
 
Jeden Tag schau’ ich auf das Kalenderblatt,
sehe nach, wer heut’ Geburtstag hat.
Ja, man nennt mich „Lieber Onkel“ nah und fern –
Leute, die was geben, hat man immer gern!
Früher, als ich nichts gehabt, war keiner da,
jetzt sind die entferntesten Verwandten da.
Wenn sie mal Geburtstag haben, komm’n sie fix,
manche komm’n ZWEIMAL im Jahr – ich tu’, als merk’ ich nix.
Meine Nichte ist fünf Jahr’, die macht mir Freud’
die sagt jede Woch’: „Ich hab’ Geburtstag heut’!“
Gestern sprach ich, als sie wieder bei mir war:
„Wenn du jetzt noch zweimal kommst, dann bist du hundert Jahr’!“
Ich beschenke jedermann in Stadt und Land,
ich beschenk’ auch Leute, die ich nie gekannt.
Wer geburtstag hat, den sieht man zu mir geh’n –
nur wenn ICH geburtstag hab’, dann läßt sich keiner seh’n.
 
Couplet I
Dem König Italiens wurde dieses gesandt –
wo England und Frankreich liegt, ist ihm bekannt.
Doch oft ist er schwach in der Geographie:
Wo Deutschland und Öst’reich liegt, weiß er fast nie.
Herrn Hollweg, dem Kanzler, dem schicke ich dies:
„Wie wird’ ich energisch?“ Da nimm es und lies.
Dem Kultusminister, dem schreibe ich schlicht:
„Hier – triff mal in’s Zentrum!“ – Er tut’s aber nicht.
 
’nen Hut, riesengroß, kriegt ’ne Freundin von mir,
der ging hier nicht rein, liegt noch drauß’ vor der Tür.
Und auch dies Korsett kriegt sie, duftig und fein –
’s ist noch etwas groß, doch da wächst sie noch rein.
Mein Freund Itzig Cohn, depeschiert immer bloß:
„Ich hab’ bald Geburtstag, drum schicke mir Moos.“
Ja, so Leute wie Cohn hab’n gern Moos in der Hand,
drum wird’n sie auch „Kinder des Mo(o)ses“ genannt.
 
Couplet II
Mein lieber, alter Großpapa,
der neunzig schon gewesen,
kriegt jedes Jahr ein Telegramm,
darauf ist stets zu lesen:
„O bleib’ gesund – mir scheint, Du wirst
uns alle überleben.“
Dann sagt der Alte jedesmal:
„Ach, mög’s der Himmel geben!“
 
Mein jüngster Neffe ist ein Jahr –
der kriegt etwas zu trinken.
Mein ält’ster Neffe ist Soldat,
der kriegt den schönen Schinken.
Vor’m Jahr schickt’ ich ihm ebenfalls
so’n roten, fetten, blanken.
Da schrieb er mir: „Der Unt’roff’zier,
der läßt sich schön bedanken!“
 
Ein Fräulein, das ich gerne seh’,
kriegt diese schöne Bluse.
Sie sagt: „Zum Dank zieh’ ich sie an
und zuknöpfen darfst du se!“
Ich hab’ ’ne Tante, die gern schnupft,
die kriegt verschied’ne Prisen.
Wenn sie dafür ’nen Kuß mir gibt
muß ich ’ne Stunde niesen.
 
Mein jüngster Vetter ist Student.
Der kriegt mein Bild – das schätzt er.
Das Bild, das hebt er ewig auf –
den Rahmen, den versetzt er.
’ne Frau von sechzig hat gefreit,
der schenk’ ich alter Heuchler
die Wiege hier, dann freut sie sich
und sagt verschämt: „Sie Schmeichler!“
 
Dem Prinzgemahl von Holland schick’
ich dieses kleine Thrönchen
und schreib’: „’ne Tochter habt ihr schon –
HIER ist noch Platz für’s Söhnchen!“
Wenn Bülow mal Geburtstag hat,
kann er Zitate suchen.
Und für sein Mohrchen* schick’ ich ihm
ein Päckchen Hundekuchen.
 
Hat die Otéro** Wiegenfest,
will ich dies Album geben.
Da sind die ganzen Männer drin,
die sie gekannt im Leben.
„Ach“, sagt sie, „jeden Einzelnen
behalt’ ich als Vermächtnis!“
„Was?“ frug ich, „Alle kennst du noch?
Was hast du für’ Gedächtnis!“
 
Wenn Roeren*** mal Geburtstag hat,
der strenge Mann von Zentrum,
kriegt er die Venus. Sieht er die,
dreht er sich im Moment ’rum.
Er läuft zur Polizei und stellt
mich vor ein strenges Forum.
Drum ist’s gut, ich bekleide sie
und dreh’ sie lieber SO rum.
 
Sobald der Zar Geburtstag hat,
gibt’s keine Unterlassung.
Ich schick’ ihm dies und schreibe ihm:
„Komm’ nicht aus der Verfassung!“
Der Eduard**** kriegt dieses hier
vom Stoff, vom allerbesten.
Er schwärmt nicht nur für Nord und Ost,
er schwärmt auch sehr für „Westen“.
 
Für Taft, den dicken Präsident,
da hab’ ich eine Rettung:
Amerikan’sches Büchsenfleisch
ist sehr gut für Entfettung.
Und für Bulgariens Ferdinand*****
hab’ ich zwei Taschentücher.
Die sind besonders groß gemacht –
entsprechend seinem Riecher.
 
Dem Fürsten Montenegros will
Ich DIES und DAS bescheren.
Die beiden Sachen kann sein Heer
Im Kriege nicht entbehren.
Mit EINER Hand beschützen sie
sich vor dem äuß’ren Feinde
und mit DER Hand bespritzen sie
die innere Gemeinde.
 
Schlußgesang
Seh’ Sie wohl, so schenk’ ich ich jedem dies und das.
Hab’n Sie mal Geburtstag, krieg’n Sie auch etwas.
Doch ich hab’ ’ne Bitte: Revanchier’n Sie sich!
Wenn ICH mal Geburtstag hab’, beschenken Sie auch mich.
Woll’n Sie dann vielleicht mal an mich denken
und mir an dem Tag viel Beifall schenken.
Ja, nun glaube ich, daß mancher gern wüßt,
WANN denn nun eigentlich mein Geburtstag ist.
Doch das sag’ ich nicht, verehrte Leute –
aber Sie könn’n denken, es sei heute.
 
* Bernhard Heinrich Martin Karl von Bülow (1849-1929), Reichskanzler von 1900-1909, Mohrchen war sein Pudel in dieser Zeit
** Augustine Caroline Otero Iglesias (1868-1965), spanische Tänzerin, Sängerin und Mätresse unzähliger gekrönter Häupter, reicher Industriemagnate und berühmter Künstler
*** Hermann Roeren (1844-1920), Jurist und Reichstagsabgeordneter
**** Eduard VII. (1841-1910), ab 1901 bis zu seinem Tode englischer König
***** Ferdinand I. (1861-1948), 1887-1918 Fürst und dann König von Bulgarien

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