Reutter heute

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Seh’n Sie, darum ist es schade, daß der Krieg zu Ende ist

1. Jetzt klagt mancher Fabrikante
von der schweren Industrie:
„Gerne hätt’ ich ’ne Kanone
mehr verdient noch ohne Müh’.
Was nützt jetzt die Kanonade,
wo man Friedensflaggen hißt?
Seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist!“
 
2. Sagt ein Knäblein zu dem Vater:
„Unser Lehrer, das war schön,
mußt’ im Krieg ins Feld, wir brauchten
oft nicht in die Schule geh’n.
Jetzt kam er zurück, wie fade:
Unterricht zu jeder Frist!
Siehste, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist…“
 
3. Mancher Backfisch lispelt heute:
„Ach, im Krieg war’s originell,
denn man konnt’ im Dunkeln munkeln –
jetzt wird’n bald die Straßen hell.
Und ’s ist doch am schönsten grade
wenn man sich im Dunkeln küßt,
seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist!“
 
4. Reizend war’n im Krieg die Frauen,
viele hatten Hosen an
und man konnte manches schauen,
was man sonst nicht schauen kann.
Und man sah so manche Wade,
die man nicht so leicht vergißt –
seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist!
 
5. Eine Frau im schönen Sachsen
sprach zum Gatten tief bewegt:
„Ach, wie war der Kaffee dünne,
hat dich gar nicht aufgeregt!
Jetzt wird stark er nachgerade,
wo du doch so schwächlich bist.
Siehste, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist!“
 
6. Eine alte Jungfer übt zehn
Jahre mit ’nem Papagei
’s Lied „Heil dir im Siegerkranz“, das
brachte sie ihm endlich bei.
Singt er jetzt die Serenade,
murkst ihn ab ein Anarchist –
seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist!
 
7. Einen Landrat ohne Tadel
traf ich, und er klagte sehr,
kriegt’ im Kriege noch den Adel
und ’nen Orden groß und schwer.
Alles durch des Kaisers Gnade –
NUN regiert der Sozialist….
Seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist.
 
8. Manch ein Schieber hat ein Lager,
das jetzt kaum die Hälfte wert,
hat Zigarr’n, die nicht zu rauchen,
Wurst, die keiner mehr verzehrt,
fünfzig Zentner Marmelade,
und keen’n Deibel, der sie frißt –
seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist.
 
9. Ach es gab im Überflusse
Kriegsgedichte, schön und lang;
auch ich schrieb noch kurz vor’m Schlusse
auf den Krieg ’nen Lobgesang.
Drucken ließ ich Ballade –
keiner kauft jetzt mehr den Mist…
Seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist!
 
10. Durch den Krieg kam manches anders –
was vorbei ist, ist vorbei.
Es gibt Mehrheitssozialisten
und ’ne Minderheitspartei.
Doch man trifft auf manchem Pfade
jetzt auch manchen Bolschewist.
Seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist.
 
11. Ein Besitzer nannt’ sein Café
früher „Café Imperial“:
Als der Krieg kam, nannt’ er’s schleunigst
„Kaiser-Café“ – national.
Kaum ist fertig die Fassade
wird der Kaiser schon vermißt –
Seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist.
 
12. Unsern dummen Auslands-Kultus
stellten wir in Kriege ein.
Doch ich wett’, es wird bald alles
wieder, wie’s gewesen, sein.
Michel’n ist das ganz pomade,
denn der kennt kein Ehrgelüst’.
Seh’n Sie, darum ist es schade,
daß der Krieg zu Ende ist.

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