Dieses Konzert für 2 Solohörner und Orchester wirft anhand der Quellen einige Fragen auf. Die Abschriften stammen aus dem Nachlass von Franz Zwierzina. Er war zur Zeit Rosettis als 2. Hornist, zusammen mit dem 1. Hornisten Nagel, im Dienst des Fürsten von Oettingen-Wallerstein. Aus der Hornkonzertsammlung dieses Hofes, die Werke verschiedener Komponisten umfasst, stammt auch ein Großteil der Rosetti-Konzerte.
Das Konzert ist in zwei Fassungen als Stimmensatz überliefert, sowohl in F-Dur als auch in E-Dur. Beide Stimmensätze (2 Hörner, 2 Oboen, 2 Violinen, Viola, Basso) sind in F-Dur und E-Dur identisch. Die gemeinsam notierten Solohörner tragen den Vermerk, das Konzert sowohl in F als auch in E aufzuführen. Auf dem Titel steht „Grand Concert“, als Komponist ist „Rossetti“ angegeben. Der Vermutung, dass aus diesen Stimmen musiziert wurde, möchte ich nicht zustimmen: In den einzelnen Stimmen fehlen durch Abschreibfehler ganze Takte, die bei einer Aufführung sicher korrigiert worden wären.
Bisher leider übersehen oder nicht richtig beachtet wurde, dass noch einmal Stimmen für die 1. Violine (F-Dur) und für die beiden Solohörner existieren. Diese Stimmen sind eher schwungvoll und weniger sauber notiert. Vor allem aber bilden sie wohl die Quelle für die späteren Abschriften. In die Solostimmen wurden zahlreiche Vereinfachungen eingetragen, schwierigere Originalpassagen wurden teilweise ausradiert. Diese einfachere Fassung wurde in die späteren Abschriften übernommen. Auch ganze Takte mit besonders virtuosen Läufen bis zum notierten d‴ wurden gestrichen.
Zum Glück sind diese Streichungen zum Teil noch lesbar, sodass sowohl die Solopartien als auch die fehlenden Tutti-Stimmen ergänzt werden konnten. Das gelang allerdings nicht in jedem Fall: Im 2. Satz findet sich ein Dur-Teil, von dem in den Abschriften nur noch die Solostimmen der Hörner teilweise und Fragmente der Violine lesbar waren. Diese insgesamt 10 Takte stehen als Anhang am Ende des 2. Satzes.
Mit großer Wahrscheinlichkeit lässt sich also feststellen, dass dieses Konzert ursprünglich wesentlich schwieriger angelegt war, für spätere Aufführungen vereinfacht und sogar einen Halbton nach unten transponiert wurde. Wurde das Konzert vielleicht den altersbedingt nachlassenden Fähigkeiten von Zwierzina und Nagel angepasst? Ein Beispiel dafür findet sich bei Mozarts D-Dur-Konzert: Auch dort berücksichtigt Mozart die altersbedingt gesunkene Leistungsfähigkeit von Leutgeb, schreibt in D-Dur statt in Es-Dur und meidet hohe Töne. (Das geht natürlich nicht ohne Mozarts typische neckische Anmerkungen in der Partitur ab. Die beiden müssen sich sehr gemocht haben.)